"Leitgedanken"
in "miteinander"
der Zeitschrift des Canisiuswerkes
von Prälat Wilhelm Müller, Chefredakteur +
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"Sind
Sie katholisch?", fragte der Quizmaster die Kandidatin. "Ich
bin gar nichts", meinte diese. Sie wusste von den angegebenen
Monaten nicht, welchen davon die Katholiken "Marienmonat"
nennen. "Ich bin gar nichts". Ist das die Selbsterkenntnis eines Menschen, der keiner Konfession angehört? Kann sich ein solcher nicht anders definieren als zu sagen, dass er nichts ist? Kann man als "Nichts" leben? Kann man mit einem "Nichts" leben? Kann man in einem Land leben, ohne sich fremd zu fühlen, dessen hervorragende Bauwerke einem keinen Sinn machen? Kann man einer Gesellschaft angehören, deren Feste man nicht versteht? Man kann. Viele leben uns das täglich vor. Sie feiern, wenn alle feiern. Sie machen halt etwas anderes daraus. Sie sind sehr kreativ, um bei den Festtagen mitfeiern zu können. Sie sind Spezialisten im Säkularisieren christlicher Feste ... |
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Das geistliche
Zentrum der Siebenbürger Sachsen war Biertan. Hier residierte bis zum
Ende des 19. Jahrhunderts der lutherische Bischof. Biertan hat zu seinem wunderbar erhaltenen Ortsbild und seiner imposanten Kirchenburg eine Besonderheit. In dreihundert Jahren gab es nur eine einzige Scheidung. Die Biertaner hatten sich etwas einfallen lassen, um zerstrittene Ehepaare wieder zusammenzubringen. Bevor sich ein Paar scheiden lassen konnte, musste es drei Wochen in einem Haus verbringen. Das Haus besaß nur ein Bett, einen Tisch, einen Sessel, eine Gabel, einen Löffel. Im ganzen Haus gab es kein Messer. Damit mussten die beiden drei Wochen auskommen. Das geht ein paar Stunden. Das geht einige Tage. Aber drei Wochen? Mit einer Gabel? Mit einem Bett? Irgendwann mussten die beiden miteinander reden. Irgendwie mussten sie sich in diesen drei Wochen arrangieren. Irgendwann erlosch die Wut, der Ärger, brachen die Vorwürfe zusammen. In dreihundert Jahren gab es in Biertan nur eine einzige Scheidung. Das Modell Biertan ist heute kaum durchführbar. Manche würden sagen, es sei unmenschlich. Dabei steht eine tiefe Erkenntnis dahinter. Die meisten Probleme entstehen, weil die Menschen nicht miteinander reden. Reden kann man aber nur, wenn man zuerst zuhört. Monologe sind kein Dialog. Verstummen ist kein Dialog. Es müssen nicht drei Wochen sein. Aber einige Stunden miteinander eingesperrt zu sein, würde manche Ehe retten. |
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Seit
zweitausend Jahren wird einer staunenden, einer skeptischen, einer
blasierten, einer gelang-weilten, einer gläubigen, einer kopfschüttelnden,
einer übersättigten, einer ablehnenden Umgebung verkündet, was in
seiner Bedeutung nie ganz verstanden wurde. Das bisschen, das verstanden
wurde, hat Jupiter und Wotan entthront und hat die Natur entzaubert und
entdämonisiert. Gott ist Mensch geworden... |
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Die
Botschaft von der Auferstehung reißt keinen vom Stockerl. Sie hat
keinen Neuigkeitswert. Sie ist keine Nachricht, die bewegt. Sie ist
Zeitung von vorgestern. "Ich liebe dich" hat für Liebende nach einiger Zeit auch keinen Neuigkeitswert. Aber nach zwanzig, dreißig Jahren gesprochen, hat es für beide Seiten einen Lebenswert. Sie haben Nähe und Entfremdung erfahren, waren in manchem verschiedener Ansicht, haben sich der Kinder wegen gestritten, haben einander verletzt, enttäuscht. Die jugendliche Verliebtheit ist vorbei. Die Körper und die Seelen tragen die Spuren der Jahre und die Last des Ertragenen. Aber das alles konnte eines nicht zerstören - ihre gegenseitige Liebe. Die Worte "Ich liebe dich" lassen sie leben und geben ihrem Leben den Grund, der sie trägt. Die Botschaft von der Auferstehung hat keinen Neuigkeitswert. Sie hat Lebenswert... |
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Mit seiner
Auferstehung hat Christus eine Wand durchstoßen. Es ist nicht
aus. |
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Sprachforscher
behaupten, dass sich die Mehrheit unserer Mitbürger mit einem
Sprachschatz von 300 Wörtern begnügt. Diese verwenden knapp 300 Wörter,
um ihren Alltag zu meistern, ihren Beruf zu bewältigen, ihre Freizeit
zu gestalten und ihre Beziehungen aufrecht zu halten. Wenn andere von hervorragend, eindrucksvoll, unvergesslich sprechen, dann sagen sie "super". Wenn andere von überraschend, staunenswert, großartig reden, sagen sie "cool". Wo anderen eine reiche Palette zur Verfügung steht, um Emotionen und Gefühle auszudrücken, reicht ihnen das Wort "Wahnsinn". Wie soll man ihnen die Botschaft des Evangeliums verkünden, wenn ihr Wortschatz nur 300 Wörter umfasst? Genügt es, dass sie Weihnachten super, die Taufe cool und die Auferstehung Wahnsinn finden? |
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Das Meer kennt
Ebbe und Flut. Unser Leben kennt Ebbe und Flut. Und auch die Kirche
kennt Ebbe und Flut. Europa hat derzeit religiöse Ebbe. Weil man bei Ebbe oft das Meer nicht sieht, meinen manche, es gäbe kein Meer. Sie lächeln über jene, die die Gezeiten kennen und wissen, dass die Flut zurückkehrt. Die Ebbe lässt Dinge entdecken, die sonst die Wasser verbergen. Die Ebbe lässt auf dem Strand zurück, was während der Flut die Wellen wegtragen. Es bleiben nicht nur Muscheln und Seesterne zurück, sondern auch Schlick, Schlamm und Unrat... |
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Wenn
man das Leben mit einem Spiel vergleicht, wer spielt dieses Spiel? Es spielen viele mit. Manche spielen fair, manche nur mit Fouls. Manche tricksen. Manche schwindeln. Manche spielen "Fress- Schach", andere "Mensch ärgere dich nicht". Warum soll man Gott ins Spiel bringen? Weil wir einen Unparteiischen brauchen? Weil wir wollen, dass jemand da ist, der die rote Karte zeigt? Es ist nicht ungefährlich, Gott ins Spiel des Lebens zu nehmen. Wir sind ihm nicht gewachsen. Er hat seine Tricks. Er weiß, wie er uns überdribbeln kann. Er weiß, wann er seine Trumpfkarte ausspielen muss. Wenn wir meinen, Schach ansagen zu können, hat er uns matt gesetzt. Wir planen unser Leben – Beruf, Familie, Karriere. Gott aber wirft den Gedanken an sein Reich in unser Herz. Allmählich werden Beruf, Familie, Karriere zweitrangig. Sein Reich, die Menschen, für die Christus sein Leben gegeben hat, werden immer wichtiger. Das Spiel des Lebens hat eine unerwartete Wendung genommen. Woran man kaum gedacht hat, wird zum Lebensinhalt. Wir wissen nicht, was Gott im Talon hat. Aber eines wissen wir, wenn wir ihn ins Spiel bringen, wenn er in unserem Leben mitspielt, dass sein Spiel voller Überraschungen ist. Wo wir uns als schachmatt erleben, setzt er ungeahnte Züge. |
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Die letzten Leitgedanken, die Prälat
Müller für die Zeitschrift "miteinander" des Canisiuswerkes
kurz vor seinem Tod geschrieben hat:
Am Gardasee steht ein Kreuz. Darauf ist
der Satz zu lesen: „Ascendit oratio, descendit gratia – Auf steigt
das Gebet, hernieder steigt die Gnade.“ |