Die Propstei

 

Das Gebäude der heutigen Propstei ist geschichts- und kulturhistorisch eines der bedeutendsten Bauwerke in Wiener Neustadt - und wohl auch der älteste Bau der Stadt. Das zeigen auch die beiden untenstehenden Buchzitate.

Sie wurde als Wohnburg für den Babenbergerherzog Leopold VI. errichtet und dürfte 10 Jahre nach der Stadtgründung schon benützt worden sein.

 

        

Die Propstei vom Domplatz gesehen                                               Motiv im Propsthof

  

Aus Gertrud Gerhartl: Geschichte, Kunst, Kultur und Wirtschaft; Verlag Braumüller, 1978:

 

In Neustadt herrschte damals in den Jahren nach der Stadtgründung (1194 n.Chr.) wohl lebhafte Bautätigkeit. Noch wurde an der Stadtmauer und den Türmen gebaut, die Zahl der Bürgerhäuser nahm ständig zu und auch der Landesfürst hatte sich hier einen ansehnlichen Sitz geschaffen: Im nordwestlichen Stadtviertel, an der Nordseite jenes Platzes, der für die Errichtung der Pfarrkirche vorgesehen war, und zwar dort, wo heute der Propsthof steht den Propsteigarten inbegriffen — ließ Herzog Leopold VI. einen weitläufigen Bau aufführen. 

Die älteste landesfürstliche Burg zu Neustadt war allerdings kein Wehrbau, sondern nur ein geräumiges, wohlausgestattetes Haus, das dem Herzog erlaubte, auch in der neuen Stadt würdig Hof zu halten. 

Diese Burg hatte eine eigene Kapelle, und zwar eine  Doppelkapelle, deren Erdgeschoß der hl. Katharina, das Obergeschoß der heiligen Margaretha geweiht war. Es wird  angenommen, dass die ältere landesfürstliche Burg zu Neustadt bereits im Jahre 1204 fertiggestellt war, denn am 17. Mai des genannten Jahres weilte Leopold VI. hier und stellte eine Urkunde aus.

Ob Herzog Leopold VI. häufig in seinem Palast am Pfarrplatz in Neustadt residiert hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen; zu spärlich ist das Urkundenmaterial, das darüber Auskunft geben könnte. 

Im Jahre 1211 mag die Familie des Babenbergers längere Zeit in Neustadt geweilt haben, denn am 15. Juni 1211 soll hier, in der Burg zu Neustadt, Herzogin Theodora  — eine Enkelin des byzantinischen Kaisers Isaak Angelos — ihrem Gemahl einen Sohn geboren haben, der in der Taufe den Namen Friedrich erhielt. Es war dies der Jüngste der drei Söhne des herzoglichen Paares — jener Friedrich, für den sich im 15. Jahrhundert der Beiname „der Streitbare" („Bellicosus") einbürgerte. Im Frühjahr (zwischen 5. Februar und 15. Mai) 1217 soll Leopold VI. in Neustadt ein Taiding abgehalten haben.

Aus Gertrud Gerhartl: Niederösterr. Kulturführer, Wiener Neustadt; Verlag Jugend und Volk, 1983:

 

Die erste Burg der Babenberger in der von ihnen 1194 gegründeten Stadt Wiener Neustadt befand sich in der Nordostecke des Platzes, der für die Pfarrkirche vorgesehen war. 

Erst in den vierziger Jahren des 13. Jhts. wurde mit dem Bau der großen Vierturmburg in der Südostecke der Stadt begonnen (die heutige Militärakademie). 

Nachdem die neue Burg in der Südostecke der Stadt fertiggestellt war, fand der nun seiner ursprünglichen Funktion beraubte alte Palas gegenüber der Pfarrkirche als Pfarrhof Verwendung. 

Nach Gründung des Bistums Wiener Neustadt im Jahre 1469 wurde der bisherige Pfarrhof Sitz der Wiener Neustädter Bischöfe und erfuhr im Lauf der Jahrhunderte weitgehende Umbauten - vor allem im 16. Jh., als der berühmte Gegenreformator Melchior Klesl an der Spitze des Wiener Neustädter Bistums stand (Klesl ist 1630 im Wiener Neustädter Bischofshof gestorben), und im 18. Jh. unter dem Bischof Franz Anton Graf Puchheim. 

Der 1718 verstorbene Bischof Puchheim fand in einer für ihn geschaffenen Gruft in der St.-Katharinen-Kapelle des hiesigen Bischofshofes seine letzte Ruhestätte. An der Südostecke des Bischofshofes befindet sich das Puchheimsche Wappen, allerdings umgedreht, da mit dem Bischof das Geschlecht der Puchheimer ausgestorben war - sein Besitz fiel an die Grafen Schönborn.

Im Vordertrakt der Propstei befindet sich die Katharinen- Kapelle mit Gruft des Neustädter Bischofs Franz Anton Graf Puchheim (gestorben 1718); dieser ließ auch das mit seinem Wappen geschmückte Barockportal errichten.

      Propsteitor